Rettet die Festivals!

7/08/2018 03:11:00 PM


Festivals, diese Hölle auf Erden. Bier zum Frühstück, eklatante Hygiene, drei Nacken aufm Grill. Festivals stehen für Abgrund und Hoffnung der Menschheit gleichermaßen. Verausgabend aber bereinigend. Abstoßend aber verbindend. Licht und Schatten. Jeder hat seine Geschichte zu Festivals, auch ich. Man könnte mich als Festival Animal beschreiben, in den vergangenen 25 Jahren besuchte ich 24 Festivals. Große und kleine, in und außerhalb Deutschlands, auf grünen Wiesen oder in Städten. Festivals sind nicht mehr dieselben wie Ende der 90er, klar, man selbst ist es ja auch nicht mehr. Mittelmäßige Bands, der überbordene Kommerz und DAS Publikum – geschenkt - das ist der Tribut der Zeit, aber eine Meldung lässt dann doch aufschrecken:






Generation Riesling? Ernsthaft? Mal davon abgesehen, dass es sich um „paid content“ im einst so wichtigen „Festival Guide“ handelt, so steckt in dieser Anzeige so viel mehr als nur die Alternative fürs Betrinken. Es hat sich etwas grundlegend geändert im Festivalgeschäft  und die Riesling Generation ist lediglich eine einzige, winzige Facette einer viel größeren Zeitenwende, nämlich die des Niedergangs der Rockmusik mit allesamt ihrer Codes, Kulte  und eben auch ihren Kathedralen – den Rockfestivals. Warum diese Dramatik? Es sprechen die Fakten:

Rockmusik ist wirklich tot

  1. Das Jahr 2017 markierte zum ersten Mal seit Messung des Musik-Konsums durch die Marktdatendienst Nielsen den Zeitpunkt, an dem „Hip Hop“ das Genre „Rock“ in der Hörstatistik als Nr.1 Lieblingsgenre abgelöst hat. Hip Hop und R&B zusammen haben 8 der Top 10 Songs 2017 ausgemacht. Zum Vergleich: 2010 war es noch genau umgekehrt.
  2. Der legendäre Gitarrenhersteller Gibson meldete im Mai 2018 Konkurs an. Auch Fender, der andere berühmte Hersteller schwächelt seit langem.
  3. Der Klamottenladen H&M vertreibt seit Jahren T-Shirts von Ramones oder AC/DC. Es werden Menschen mit diesen Shirts gesichtet, die zwar in die Zielgruppe H&Ms aber keinesfalls in die von Punk oder Metal fallen. Auf die Frage, ob sie nur einen einzigen Songtitel nennen können, glänzen Sie mit Unkenntnis.
  4. Das Durchschnittsalter der Rockbands, die um die Welt touren, ist jenseits der 40.
  5. Punk is dead. 

Was noch fehlt: Joy Division Hoodies im Lidl

Festivals sind mainstream

  1. Stichwort Festivalbesucher: Beim Hamburger „A Summer Tales“ liegt das Durchschnittsalter der Besucher bei Stolzen 38,4 Jahren. ¼ der Gäste reiste mit Kleinkindern an. Es kann davon ausgegangen werden, dass das beim Immergut oder Rock am Ring (RaR) nicht anders aussieht.
  2. Stichwort Globalisierung: Einst galt das Lollapalooza Festival, ebenso wie das Coachella oder Primavera als Veranstaltungen mit wegweisendem Booking. Da aber immer mehr Exklusivverträge mit großen Namen wirklich eine „Destinctiveness“ in der Festivallandschaft gewährleisten, werden Headliner für alle weltweiten Dependenzen eines Festivals gebucht. Das führt zu Auswüchsen wie beim diesjährigen Lollapalooza Festival in Berlin. Headliner ist „The Weeknd“, ein Star in Nordamerika mit gleich zwei Nummer 1 Alben, aber hierzulande eine deutlich kleinere Nummer (höchste Platzierung 2016 Rang 10). Keinesfalls Headlinerwürdig. Das scheint die „BigMac“isierung der Festivals zu sein.
  3. Stichwort Premiumisierung: Wie auch schon beim Lollapalooza 2017 gibt es dieses Jahr wieder VIP Tickets für 289,-€ (mehr als doppelt so teuer wie reguläre Tickets). Geboten werden dafür u.a. ein exklusives Wellness- und Beauty-Angebot sowie besondere Shoppingmöglichkeiten. Versteht jemand warum? Soll das Start-up Millionäre aus Berlin-Mitte zum Retreat mit Livemusik locken? Oder werden künftig Economy und Business Class Verhältnisse auch bei Festivals Einzug halten: 4 Tage Rock-am-Ring bestreiten mit nur einem Handgepäcksstück max. 8kg, alles andere nur mit Aufpreis.
  4. Umdeutung von Festivals: Business ist ein gutes Thema, denn zum diesjährigen Tech Open Air in Berlin lud eine Agentur zum  „Business Festivals“ auf zwei Stages ein. Ungeheuerlich, wie hier die Idee der Anarchie eines Festivals mit der schnöden Geschäftswelt verheiratet wird! Anderes Beispiel ist die alljährliche „Online Marketing Rockstars“ Messe in Hamburg, die mittlerweile zu einem Digitalmarketing Festival mit 40.000 Besuchern ausgeartet ist. Im Look+Feel steht sie dem eines Musikfestivals in Nichts nach, nur dass Marketing Deppen auf der Bühne stehen, die ihre ROIs und KPIs zum besten geben, statt Revolte.
  5. Übertriebene Erwartungen: Neulich berichtete ein Unternehmensberater, sein größter Wunsch sei es zum „Burning Man“ zu fahren. Wirklich? Mit all den „Valley“ Leute mal richtig freidenken? Oh boy, wo is da der Rock’n Roll?
  6. Stichwort Live-Entertainment: Beim Primavera Sound 2018 in Porto war einer der Headliner Vince Staples. Nie von dem gehört, ist offenbar ein (in den Staaten) bekannter Hip-hopper. Bemerkenswert an diesem Act war die Bühnenshow.,Um es in den richtigen Kontext zu setzen, sind in folgenden Bildern die Stage Plots verschiedener Musikgenre angefertigt, die auf diesem Festival ebenfalls vertreten waren:




Verblüffend ist, dass auf der Bühne nichts mehr steht. Ein einziger Typ mit einem Mic vor einer 250m² Videoleinwand - kein Instrument, kein DJ, nicht einmal Monitorboxen oder Mikrofonständer. Nichts! Dennoch sind ist das Publikum abgegangen. Die Veranstalter hätten also auch ein Youtube Video auf der Leinwand streamen können, es wäre wirkungsgleich. 

Rock Am Ring: „Das Beste aus den 80er, 90ern und heute“



Damit dieser Text nicht wie ein verbitterter alter Mann wirkt, der vom Krieg erzählt und das hier immer noch ein Blog mit Datenaffinität ist, wird nun der Beweis angetreten, dass Rockfestivals eine innovationstote Geschichte ist. Unten folgt ein Vergleich der Line-ups vom Rock am Ring / Rock im Park Festival aus über 30 Jahren, von 1985 bis 2018. Es offenbart die ganze Misere. Die gleichen 90er Namen im 2018er Line-ups und es wird zunehmend schlimmer.

Das Rock am Ring Festival und die "Freshness".. 2018 spielten lediglich 55% der Bands im Lineup zum ersten Mal auf diesem Festival


Das jahrelang schleichende Gefühl der ständigen Wiederholungen in Lineups großer Festivals wird hiermit bestätigt. Es sind immer die selben Namen und es verstärkt sich tatsächlich Jahr zu Jahr. Das ist zum einen die Folge davon, dass Rockmusik als Genre nicht weiterentwickelt und deshalb Booker auf die alten Rockgiganten zurückgreifen müssen und zum anderen des alternden Festivalpublikums geschuldet. Denn auch der Festivalgast hört immer noch die gleiche Musik wie noch vor Jahren. Ein Teufelskreis. Und es erklärt auch, dass die großen Festivals immer mehr Mühe haben, ihre Tickets zu verkaufen. Hurricane/Southside ist zum Zweiten mal in Folge nicht ausverkauft, der Melt! Festival seit 2015 nicht mehr, das Rock am Ring konnte in 2018 nur mit hohen Tagesticketkontigenten das "Sold out" vermelden. Allen Beteidigten sollte spätestens jetzt klar werden: Rockfestivals müssen sich neu erfinden!
Würde das Rock am Ring Lineup das Jahr des ersten Auftritts beim RaR statt der Bandnamen drucken, würde sich dieses Bild offenbaren:

Rock of Repeat: Jahr des Rock am Ring Erstauftritt im Line-up RaR 2018 


Die Musik, im wortwörtlichen Sinne, spielt (wenn überhaupt) im klein gedruckten Teil des Festivalplakats. Jeder regelmäßige RaR Besucher müsste spätestens bei dem Anblick des obigen Bildes auf den Gedanken kommen, in eine Booking Abofalle geraten zu sein. Beim Blick auf die Hitliste der Bands, die am Häufigsten auf dem RaR spielten, zeigt sich das Rock of Repeat am besten. Acts aus der Ära Ende 1990er/frühe 2000er dominieren die Lineups. Korn und Toten Hosen spielten unglaubliche 8x auf dem RaR, dass ist bei jeder vierten Auflage des Festivals! Zwischen erstem und letztem RaR-Auftritt der Hosen hätten Kinder aufwachsen können, die bereits ihren Bacholor Abschluss gemacht haben könnten. Bei Bad Religion wäre auch schon das erste Eigenheim drin. Wenn eine Reunion einer großen Band nach Jahrzehnten auf ein Festival zurückkehrt, mag dies noch vertretbar sein, aber bei Korn, den Hosen oder Papa Roach fehlt schlichtweg die Substanz, um derart häufige Auftritte zu rechtfertigen. Eine komplette Übersicht, wer wann auf dem RaR spielte, zeigt folgende, interaktive Tabelle:



Wir haben es mit einer Krise im Booking großer Festivals zu tun und wir haben es mit einer gewaltigen Krise im Rockgenre zu tun. Beides bedingt einander. Im Grunde hat ein Blogger aus UK all die Tendenz der Rockmusik ganz gut zusammengefasst, als er sagte: "Rock is now where jazz was in the early 1980s. Its form is mostly fixed." 
Wenn dem so sei, folgen von nun an nur noch Interpretationen von alten Rocksongs. Dass es nicht leichter werden wird, noch wirklich innovative Rockmusik zu machen, kann auch im Forbes nachgelesen werden: "Gone are the days of changing the world with three chords and the truth. Now you’ll need three chords, the truth, and an engineer’s ability to make your song sound like the radio"



Dem ist nicht hinzuzufügen, außer vielleicht Autotune;) 


Dipl Imp

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